• Produktionsland: Großbritannien
    Produktion: David Higginson, Christos Michaels, Steve Norris, Tim Smith, Tim Haslam, Paul Brett, Reno Antoniades u.a.
    Erscheinungsjahr: 2009
    Regie: Daniel Barber
    Drehbuch: Gary Young
    Kamera: Martin Ruhe
    Schnitt: Joe Walker
    Spezialeffekte: Bob Hollow
    Budget: ca. 7.300.000$
    Musik: Ruth Barrett, Martin Phipps
    Länge: ca. 98 Minuten
    Freigabe: FSK 16
    Darsteller: Michael Caine, Emily Mortimer, Iain Glen, Jack O'Connell, Liam Cunningham, Amy Steel, Ben Drew, David Bradley, Raza Jaffrey, Joseph Gilgun, Charlie Creed-Miles, Chris Wilson


    Inhalt:

    Harry Brown, ein Witwer und Ex-Ehemann, lebt alleine in einer verwahrlosen Nachbarschaft. Sein einziger Freund ist der alte Leonard. Als dieser von einer Gang ermordet wird und die Polizei nach Harrys Meinung nicht handelt, beschließt er das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und die Straßen vor dem Abschaum zu befreien.


    Trailer:


    Deutsche DVD & Blu-Ray Fassung: 21.10.2010 (Verleih: 06.09.2010 )


    Meinung:

    Die Star Besetzung hat klanghafte Namen zu bieten, wie Liam Cunningham oder Michael Caine in der Hauptrolle sowie Resident Evil „Dr. Isaacs“ Iain Glen, zudem noch Emily Mortimer (Shutter Island) für die Optik. Der Regisseur ist mit Daniel Barber bis dato vollkommen unbekannt. Wenn es dann nicht ganz so aalglatt und mainstreamig zugehen soll, schaut man lieber nach Großbritannien als direkt nach Hollywood. Die Kritiken sind im Schnitt gut, aber auch sehr gespalten, was den Film für mich interessant machte um ihn eine Chance zu geben.

    Es wird Anfangs gekifft, worauf dann eine Frau mit ihrem Baby von den Kiffern brutal erschossen wird und die Rache-Geschichte wird dadurch eingerührt. Das im Dialog oft benutzte „Alter“ im Bezug auf die Gangster-Kumpels fand ich hier ziemlich schnell uncool. Die Gangster spielen aufgesetzt mit ihrer Kiffersprache sind sie ziemlich vorlaut. Sie wirken definitiv nicht wie echt, denn so aggressiv sind sicher nur die allerwenigsten bei einer Polizeiverhörung. Wobei die Polizisten hier auch so abgeklärt bis anteilnahmslos wirken, wie oft typisch für aktuelle Mainstream-Wahre. In den 80er Filmen wurden die vorlauten Bengels von den Polizisten noch über den Tisch gezogen um ihnen zu zeigen wer das Sagen hat und genau dies hab ich mir mal von einem der teilnahmslosen Polizisten auch gewünscht. Das hier an jeder Ecke, jeden Tag scheinbar böse Jugendliche lauern, um arme Rentner auszurauben oder abzustechen, halte ich dann für richtig übertrieben, denn wo soll dies derart denn bitte in Wirklichkeit stattfinden. Es geht um den früh erwarteten Racheakt eines alten Mannes, wobei so wie es hier aufgezeigt wird, wirkt der Mann schon zu senil und man nimmt ihm den Racheakt nicht ab. Die Gangster wirken zu dämlich, da sie sich von einem so alten, steifen Mann aufs Kreuz legen lassen. Wobei dies in der Kombination vielleicht sogar passt, da die total verzogenen Gangster Jungs hier so wirken, als ständen sie noch unter den Pantoffeln von ihren Eltern (große Fresse und nichts dahinter). Damit hat sich Michael Caine sicher keinen Gefallen getan, denn er verkommt hier zur totalen Lachnummer.

    Die kalte Atmosphäre wird noch ganz gut rübergebracht und das zeichnet diesen Film einzig aus, auch anhand von Atemhauch sehr stimmig zu vernehmen. Die Kulissen sind abwechslungsreich, das Bild mir ein wenig zu dunkel und die Getto-Ecken liefern einiges an Graffitimalerei. Die noch aufgezeigten Demonstrationen von gewaltbereiten Autonomen nehmen im letzten Drittel anarchistische Züge an, allerdings hat man zu keinem Charakter zuvor einen Bezug gefunden und den Krawall nimmt man so hin, ohne dabei dramatisches zu bekommen. Wobei der Film anschließend noch bis zum Schluss richtig träge wird und er kommt nicht mehr voran, wie bei einer öden deutschen TV Produktion eines abgetakelten Krimis.
    Der Film ist bei mir am Ende noch komplett durchgefallen.

    [film]2[/film]

  • Zwiespältiger Film. Michael Caine, der hier zu seinen frühen "Hardboiled"-Wurzeln zurückkehrt, ist als eiskalter "Dirty Harry"-Verschnitt natürlich eine Wucht und formal stimmt hier wirklich alles: vom bleichen, farbverfremdeten Look über das grau-deprimierende Setting eines ghettoisierten Sozialraums bis hin zum formidablen Schnitt. Die Story hingegen ist "Death Wish III" abzüglich aller 80er-Peinlichkeiten zuzüglich aller Klischees einer verdorbenen, abgestumpften "Fuck you"-Jugend, die gerade in GB ja momentan schwer hip zu sein scheinen. Und das Finale ist vollkommen an den Haaren vorbei gezogen.

    Message: Die bösen Buben (oder sollte man eher Bübchen sagen?) haben den Tod natürlich allesamt verdient uund brutale Selbstjustiz ist zu befürworten. In einem sleazigen Revenge-Kracher ist das ja auch o.k, "Harry Brown" wäre aber gerne mehr, als er ist. Und das enttäuscht letztendlich.

    Nach "Daybreakers" im übrigen schon der 2.Film in Folge, bei dem mich die FSK:16-Freigabe heftigst überrascht hat.

    Allein der Schmerz vermag es, dich spüren zu lassen, dass du wirklich existierst.


  • Harry Brown
    (Harry Brown)
    mit Michael Caine, Emily Mortimer, Charlie Creed-Miles, David Bradley, Iain Glen, Sean Harris, Ben Drew, Jack O'Connell, Jamie Downey, Lee Oakes, Joseph Gilgun, Liam Cunningham, Marva Alexander, Forbes KB, Liz Daniels
    Regie: Daniel Barber
    Drehbuch: Gary Young
    Kamera: Martin Ruhe
    Musik: Ruth Barrett / Martin Phipps
    FSK 16
    Großbritannien / 2009

    Wer nichts mehr zu verlieren hat und dazu eine Riesenwut im Bauch, kann sehr, sehr gefährlich werden. Harry Brown ist Witwer und sein einziger Freund wird von einer Gang brutal erschlagen. Ihm ist nichts geblieben. Und deshalb räumt er jetzt auf. Statt resigniert sein stilles Rentnerdasein weiter zu führen, packt der ehemalige Royal Marine noch einmal die Knarre aus und lehrt den gewalttätigen Abschaum in seinem Viertel gründlich das Fürchten. Den harten Jungs bleibt das überhebliche Gelächter schnell im Hals stecken, denn Harry weiß noch genau, wie's geht. Ein Mann sieht rot - blutrot!


    Ob "Harry Brown" nun wirklich die europäische Antwort auf "Gran Torino" ist kann ich nicht beurteilen, da ich das Werk von Clint Eastwood noch immer nicht gesehen habe. Aber eines ist "Harry Brown" auf jeden Fall, nämlich ein äusserst brillanter Film, in dem Michael Caine eine absolute Paraderolle spielt. Thematisch gesehen bewgt man sich hier auf einer Schiene mit so fantastischen Rache-Thrillern wie "Ein Mann sieht rot" oder "Death Sentence" und dennoch unterscheiden sich diese Filme doch ganz gewaltig in ihrem Stil. Das ist in erster Linie schon in dem Hauptcharakter der vorliegenden Geschichte begründet, denn handelt es sich bei Harry Brown (Michael Caine) keinesfalls um einen harten und eiskalten Rächer, sondern um einen gerade zum Witwer gewordenen alten Mann, der vollkommen zurückgezogen in einem tristen Wohnghetto lebt, das die Trostlosigkeit eines sozialen Brennpunktes perfekt widerspiegelt. Seine einzige Freude sind die täglichen Schachpartien mit seinem einzigen Freund, der ständig von rebellischen Jugendlichen terrorisiert wird. Erst als dieser von den Jugendlichen ermordet wird und die Polizei kaum etwas unternehmen kann, überkommt Harry eine maßlose Wut, die sich letztendlich darin äussert, das er das Recht in die eigenen Hände nimmt, um seinen Freund zu rächen.

    Nun ist die Erzählweise des Geschehens eher von der sehr ruhigen und bedächtigen Art, was dem ganzen aber eine ungeheure Intensität verleiht, die man diesem Werk eigentlich auf den ersten Blick überhaupt nicht zutraut. Es gibt keinerlei blinden Aktionismus, vielmehr haben die Macher des Films ihr Hauptaugenmerk auf inhaltliche Stärke und tiefergehende Charakterzeichnungen gelegt. Insbesondere die Darstellung der Jugendlichen kann man als äusserst gelungen bezeichnen, die Sinnlosigkeit ihrer Taten werden ganz ausgezeichnet zum Ausdruck gebracht. So ist es vor allem die Motivation der Täter, die einem hier kalte Schauer über den Rücken jagt, denn eigentlich gibt es gar keine. Es geht einzig und allein um einen perfiden Unterhaltungswert, den die Täter aus ihren Taten ziehen, da ihr Leben ansonsten von einer Tristess geprägt ist, aus der es anscheinend kein Entrinnen gibt. Diese wird insbesondere durch die erstklassigen Schauplätze der Ereignisse extrem gut in den Vordergrund gerückt, die schon eine recht beklemmende Wirkung auf den Betrachter hinterlassen, so das in den meisten passagen ein ausgeprägtes gefühl der Schwermut aufkommen kann.

    Die trostlose Grundstimmung des Filmes kriecht einem dabei förmlich unter die Haut und hinterlässt einen äusserst authentischen Eindruck der Geschehnisse, die unglaublich real und glaubwürdig erscheinen, spiegeln sie doch durchaus realistische Geschehnisse dar, wie sie in der heutigen Zeit fast täglich vorkommen. Man wird fast selbst ein Teil der Geschichte, denn könnte sich das Szenario doch jederzeit auch vor der eigenen haustür abspielen, was die intensive Wirkung zusätzlich verstärkt und einen selbst zu einem Teil der Abläufe macht. Zudem gerät man auch in einen emotionalen Zwiespalt, denn weiss man doch ganz genau, das Selbstjustiz keinesfalls der richtige Weg sein kann, um der Gewalt entgegenzuwirken, bringt aber andererseits jede Menge menschliches Verständnis für Harry auf, der das Recht in die eigene Hand nimmt. Letzteres wird insbesondere durch die Hilflosigkeit der Polizei noch zusätzlich verstärkt, die der Täter nicht wirklich habhaft werden kann. Hierfür sind in erster Linie die stattfindenden Verhöre ein Paradebeispiel, in denen die ermittelnden Beamten eine Respektlosigkeit und Eiseskälte der Jugendlichen entgegenschlägt, die einen fast schon sprachlos macht. Von Reue ist dort überhaupt nichts zu spüren, vielmehr müssen sich die Polizisten auf das Übelste beleidigen lassen.

    Auch wenn "Harry Brown" ein Film der leiseren Töne ist, entfaltet dieses Werk eine ungeheure Intensität, die sich auch in mehreren wirklich harten Szenen bemerkbar macht, die für eine 16er Freigabe nicht unbedingt selbstverständlich sind. Da dies trotz allem in einer sehr bedächtigen und ruhigen Erzählweise geschieht, ist die ausgehende Wirkung noch stärker und legt sich schon fast wie eine zweite Haut über den Zuschauer, der sich der brutalen Faszination der Ereignisse keinesfalls entziehen kann und so schon fast jede einzelne Einstellung kürperlich miterlebt. Besonders die letzten gut 20 Minuten des Filmes entfalten hierbei eine Intensität, die nur schwerlich zu überbieten ist. Gerät die Situation doch vollkommen ausser Kontrolle, was eine vollkommene Eskalation von Härte und Gewalt zur Folge hat. Hier bekommt man auch gleichzeitig sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, mit welcher Kälte die Täter zu Werke gehen und wie wenig ihnen ein anderes Leben wert ist. Stellvertretend dafür stehen die Ereignisse, die sich zum Ende hin in Harry's Stammkneipe abspielen und die die extreme Wirkung dieses Filmes noch einmal ganz besonders hervorhebt.

    Abschließend kann man eigentlich nur von einem äusserst guten Gesamtpaket sprechen, das Regisseur Daniel Barber hier in Szene gesetzt hat. Wenn man dann noch bedenkt, das es sich um sein Regie-Debut handelt, ist man noch um ein Vielfaches tiefer beeindruckt und muss diesem Mann seinen tiefsten respekt zollen. Ist es ihm doch gelungen, eine altbewährte Thematik in beeindruckende Bilder umzusetzen, die ihre Wirkung auf den Betrachter zu keiner Zeit verfehlen und ihm dabei immer das Gefühl zu vermitteln, das es sich hier um die ungeschönte und brutale Realität handelt, die auch jeden von uns täglich ereilen könnte. Das es dabei ohne ausufernden Aktionismus gelungen ist, ein so intensives und bedrückendes Filmerlebnis zu kreieren ist eine Leistung, die man meiner Meinung nach gar nicht hoch genug würdigen kann. Ganz sicher ist dies auch zu einem sehr großen teil den erstklassigen Darstellern zu verdanken, unter denen Michael noch einmal ganz besonders hervorsticht, denn seine Darstellung des "Harry Brown" kann man ganz einfach nur als absolut brillant bezeichnen.


    Fazit:


    "Ein Mann sieht rot" zählt wohl noch immer als größter Klassiker unter den Rachethrillern, jedoch braucht sich auch ein "Harry Brown" keineswegs ehrfurchtsvoll hinter diesem Meisterwerk verstecken. Zwar ist mit Michael Caine kein cooler Charles Bronson-Verschnitt zu erwarten, doch ist es gerade der Charakter eines alternden und vollkommen durchschnittlichen Rentners, der diesem Film seine ungeheuer authentische Ausstrahlung verleiht. Kein extrem cooler Rächer, sondern eine absolute Durchschnittserscheinung steht hier im Mittelpunkt des Geschehens, das dadurch umso glaubwürdiger erscheint und den Zuschauer so zu einem teil seiner Geschichte macht. Mit leisen Tönen und einer eher ruhigen Erzählweise wurde hier eine so starke Intensität geschaffen, das man auch nach dem Ende der Story noch sehr nachhaltig unter deren Eindruck steht.


    [film]9[/film]

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